„Familienunternehmertum ist das Bewusstsein für persönliche Verantwortung“

Paul Niederstein, Eigentümer des ältesten deutschen Familienunternehmens The Coatinc Company, spricht mit unserem Partner Jörg Hueber darüber, wie man 17 Generationen lang mit Stahl in Deutschland Geld verdient, welche Rolle Kapital- und Unternehmenspartnerschaften gespielt haben und über das jetzt erscheinende Buch „Macher und Machenschaften“, eine Auseinandersetzung mit dem Familienunternehmen während der Zeit des Nationalsozialismus.

Jörg Hueber: Lieber Herr Niederstein, in überregionalen Wirtschaftsmedien findet sich bisweilen eine Verklärung traditionsreicher Familienunternehmen. Ihr Unternehmen steht dabei als eines der ältesten Deutschlands besonders im Fokus. Ist das nur eine Zufallsbeobachtung, oder zeigt sich darin die Sehnsucht nach dem Erreichten und der Wunsch, Bewährtes zu bewahren und sich gerade in Zeiten schneller technologischer Umbrüche und der teilweisen Disruption etablierter Geschäftsmodelle auf die Vergangenheit zu beziehen?

Paul Niederstein: Für mich bedeutet Familienunternehmertum vor allem persönliche Verantwortung – für heutige Entscheidungen ebenso wie für die kritische Überprüfung früherer Entscheidungen und ihrer Tragfähigkeit in bewegten Zeiten. Manche werden durch neue Entwicklungen bestätigt, andere müssen neu bewertet werden. Es braucht daher Konsequenz und zugleich die Bereitschaft zur Anpassung.

Jörg Hueber: Wenn wir auf Ihr Familienunternehmen The Coatinc Company schauen: Wie ist es Ihnen und Ihren 16 Vorgängergenerationen gelungen, sich über nunmehr 524 Jahre zu behaupten – in Zeiten vielfacher historisch-politischer, wirtschaftlicher und technologischer Umbrüche? Auch 2026 ist Ihr Unternehmen mittelständisch geprägt, der größte Teil der Produktionsstandorte liegt in Deutschland beziehungsweise Westeuropa, und Sie begegnen dem Wettbewerb sowohl großer, internationaler und kapitalkräftiger als auch in der Wertschöpfung breiter aufgestellter Konzerne.

Paul Niederstein: Dass wir uns seit mehr als fünf Jahrhunderten mit Stahl und Eisen beschäftigen, ist eng mit unserer Unternehmensgeschichte verbunden. Über 17 Generationen hinweg haben wir versucht, Stahl in all seinen Facetten zu verstehen und zu einem Teil unserer DNA zu machen.

Wir haben Stahl geschmiedet, produziert und verarbeitet; heute veredeln wir ihn. Mich fasziniert dieser Werkstoff nach wie vor. Einerseits steht Stahl für die klassische Industrie und die „Old Economy“. Andererseits wäre die moderne Welt ohne ihn kaum denkbar: Kein Rechenzentrum, keine Photovoltaikanlage und kein Windkraftturm kämen ohne Stahl, vielfach auch ohne verzinkten Stahl, aus.

Auch die Arbeit in unseren Werken begeistert mich. Viele Prozesse werden künftig durch künstliche Intelligenz unterstützt oder verändert. Die Herstellung, Bearbeitung und Veredelung von Stahl bleiben jedoch auf absehbare Zeit ein Geschäft, das Menschen, Erfahrung und Persönlichkeit braucht. Diese Verbindung von industrieller Tradition und Zukunftsfähigkeit macht die Branche für mich besonders attraktiv.

Unser Erfolg beruht aus meiner Sicht wesentlich auf dem Grundsatz „Schuster, bleib bei deinen Leisten“. Wir haben uns immer wieder erneuert und Innovationen vorangetrieben, ohne uns von übermäßigem Wachstum oder großen Expansionsfantasien leiten zu lassen.

Als sich die Stahlerzeugung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend ins Ruhrgebiet verlagerte, entschieden wir uns nicht für Expansion, sondern für Spezialisierung – zunächst auf Stahlbau und Stahlverarbeitung, später auf Stahlveredelung.

Dieser nüchterne, bodenständige Siegerländer Ansatz, geprägt von Bescheidenheit, unternehmerischer Demut und langfristigem Denken, hat uns geholfen, das Unternehmen über 17 Generationen durch gute wie schwierige Zeiten zu führen. Zugleich hatten wir stets den Mut, besonders in Krisen entschlossen und, wenn nötig, hart zu handeln. Diese Verbindung aus Ruhe, Bodenständigkeit, Innovationskraft und Handlungsfähigkeit ist ein wesentlicher Grund für unsere Beständigkeit.

Jörg Hueber: Bei einem Familienunternehmen in der 17. Generation sollte man einen weitverzweigten Familien- und Gesellschafterkreis mit zersplittertem Anteilsbesitz erwarten. Das stellt hohe Anforderungen an die Familien- und Gesellschafterdisziplin sowie an eine starke Governance, die die Stimm- und Entscheidungsfähigkeit des Familienunternehmens gewährleistet. Sie hingegen sind alleiniger Gesellschafter.

Paul Niederstein: Partnerschaften und Abstimmungen spielen in Familienunternehmen traditionell eine wichtige Rolle. In früheren Generationen gab es bei uns zahlreiche Familienstämme und Mitgesellschafter, sodass intensive Abstimmungen erforderlich waren.

Auch mit externen Partnern haben wir regelmäßig zusammengearbeitet. Von 1992 bis 2025 waren wir beispielsweise mit einem englischen Partner verbunden, der zuletzt 49 Prozent der Anteile hielt. Diese Anteile konnte ich im vergangenen Jahr übernehmen; heute befindet sich das Unternehmen wieder vollständig in Familienbesitz.

Von 1992 bis in die frühen 2000er-Jahre war zudem 3i als Finanzinvestor beteiligt. Über viele Jahre hielten wir außerdem Minderheitsbeteiligungen an Familienunternehmen in der Türkei, Tschechien, der Slowakei und Belgien. Auch heute sind wir an einem Partnerunternehmen in Deutschland beteiligt.

Familienunternehmen sollten deshalb grundsätzlich offen für strategische Partnerschaften sein. Entscheidend ist, dass die Beteiligten ein gemeinsames Werteverständnis besitzen, einander verstehen und nachhaltiges Wachstum gemeinsam gestalten wollen. Unter diesen Voraussetzungen können Kapital- und Unternehmenspartnerschaften ausgesprochen sinnvoll sein.

Jörg Hueber: In diesen Tagen erscheint das Buch „Macher und Machenschaften“ über die Geschichte Ihres Familienunternehmens und insbesondere über Ihre persönliche Auseinandersetzung mit dem Agieren Ihres Familienunternehmens während der Zeit des Nationalsozialismus. Was hat Ihre Bereitschaft zu dieser Buchveröffentlichung ausgelöst?

Paul Niederstein: Die Beschäftigung mit unserer Geschichte war uns immer wichtig. In den vergangenen Jahren haben wir zahlreiche Quellen ausgewertet und mehrere Bücher veröffentlicht. Dabei wurde uns bewusst, dass wir die Zeit des Nationalsozialismus zwar angesprochen, aber nie umfassend aufgearbeitet hatten.

Über unsere Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte und meine Bekanntschaft mit deren Geschäftsführerin Dr. Andrea Schneider-Braunberger bat ich sie, Archive zu untersuchen. Als sich die Fülle des Materials zeigte, beauftragten wir sie mit einer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Daraus entstand das Buch „Macher und Machenschaften“.

Eine solche Auseinandersetzung ist für Familienunternehmen, die bereits damals tätig waren, außerordentlich wichtig und bis heute relevant. Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, aber bestimmte Muster kehren wieder. Familie und Unternehmen sollten daher objektiv, transparent und wissenschaftlich fundiert verstehen, wie sie sich damals verhalten haben.

Der Titel „Macher und Machenschaften“ wurde bewusst gewählt. Meine Familie hat vom NS-Regime profitiert und Verbindungen genutzt, die ihr innerhalb dieses Systems Vorteile verschafften. Unser Unternehmen war ein klar aufgestellter Rüstungskonzern, insbesondere im Rahmen der Aufrüstung der U-Boot-Waffe. Wir beschäftigten rund 900 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und verdienten am Krieg und am NS-Regime. Diese Tatsachen müssen offen benannt werden.

In vielen Gesprächen erlebe ich, dass diese Zeit innerhalb von Familien verklärt wird und Mythen entstehen. Das hilft nicht weiter. Auch aufgrund unserer historischen Aufarbeitung haben wir entschieden, nach 17 Generationen keine Wehr- oder Rüstungstechnik mehr herzustellen oder zu vertreiben.

Vor dem Hintergrund unserer Geschichte ist diese Entscheidung für mich folgerichtig. Sie ist jedoch weder moralischer Zeigefinger noch Urteil über Menschen und Unternehmen in der Verteidigungsindustrie. Ich habe selbst Wehrdienst bei der Marine geleistet und möchte diese Zeit nicht missen. Ich bin kein grundsätzlicher Pazifist, sondern sehe mich als realistisch und rational.

Gleichzeitig weiß ich, dass es mir im Falle eines militärischen Konflikts oder Verteidigungsfalls schwerfallen würde, meinen Kindern zu empfehlen, sich an die Front zu melden und zur Waffe zu greifen. Neben unserer Geschichte und meiner christlichen Grundüberzeugung ist dies ein Grund, weshalb ich persönlich nicht in einer Industrie tätig sein kann, die Menschen Situationen aussetzt, vor denen ich meine eigenen Kinder bewahren möchte.

Das ist eine persönliche Entscheidung, keine Verurteilung anderer. Ich halte es jedoch für wichtig, zu seinen Überzeugungen zu stehen – unabhängig davon, ob sie populär sind.

Ein Unternehmen lebt von seiner Kultur und seinen Werten. Unser Purpose lautet: „Wir schützen heute die Generationen von morgen – auf der Basis von Verantwortung und Vertrauen.“ Das sind für mich keine bloßen Worte, sondern Maßstäbe. Glaubwürdigkeit entsteht durch Konsequenz. Deshalb gehören die Aufarbeitung unserer Geschichte und der Umgang mit ihren Erkenntnissen zu unserem Selbstverständnis – aus unserer persönlichen Perspektive. Andere Unternehmen können zu anderen Entscheidungen gelangen.

Über die Gesprächspartner

Paul Niederstein ist 51 Jahre alt, fünffacher Familienvater und Vollblutunternehmer: ‚Schon früh entschied ich mich, in unser Familienunternehmen einzutreten. Dieser Wunsch entstand nicht in der Theorie, sondern in der Produktion. Während meiner Sommerferien arbeitete ich regelmäßig im Unternehmen und stand mit Stahl in der Hand an den Anlagen und Verzinkungskesseln unserer Werke. Dort wurde mir klar, dass ich diesen Weg gehen wollte. Es war die Verbundenheit mit Stahl und die Begeisterung für seine nachhaltige, dauerhafte Veredelung – für die „Ritterrüstung“, die wir ihm anlegen. Vor allem aber waren es die Menschen: Ihre Ehrlichkeit, Offenheit und Bodenständigkeit haben mich geprägt und fasziniert. Später folgten ein akademischer und beruflicher Weg außerhalb des Familienunternehmens. Ich besuchte ein Internat in den USA, studierte teils dort und arbeitete anschließend für einen großen amerikanischen Konzern. Dennoch war für mich immer klar: Mein Weg führt zurück in die Industrie, zum Stahl und in unser Familienunternehmen. Keinen Tag habe ich diese Entscheidung bereut. Je besser ich verstanden habe, welche Bedeutung verzinkter Stahl für Klimaschutz, Ressourcenschonung, erneuerbare Energien und neue Technologien wie künstliche Intelligenz besitzt, desto stärker wurde meine Überzeugung, großes Glück mit einer Branche zu haben, mit der ich mich zutiefst identifiziere.‘

Jörg Hueber ist geschäftsführender Gesellschafter der PETER MAY Gruppe und beschäftigt sich mit der Übertragung von Anteilen an Familienunternehmen innerhalb der Familie, mit Abfindungsregelungen für Gesellschafter, mit der Öffnung des Gesellschafterkreises sowie mit der Beratung beim Kauf und Verkauf von Unternehmensbeteiligungen durch Familienunternehmen, Inhaberfamilien und Family Offices. Jörg Hueber leitet die Family-Equity-Praxis der PETER MAY Gruppe mit Zugang zu mehr als 200 Family Offices, familiengeprägten Beteiligungsholdings und Stiftungen als Kapitalpartnern für Familienunternehmen. Vor seiner Tätigkeit in der PETER MAY Gruppe war Jörg Hueber mehr als 20 Jahre für international führende Wirtschaftsprüfungsgesellschaften (EY, KPMG) und Investmentbanken (UniCredit, Berenberg) tätig und verantwortete den M&A-Bereich eines börsennotierten Unternehmens (HHLA).