Gerecht ist nicht immer gleich - Warum Unternehmerfamilien bei der Anteilsnachfolge mehr Individualität wagen sollten

Viele Unternehmereltern schrecken davor zurück, Unternehmensanteile zu ungleichen Teilen an ihre Kinder weiterzugeben. Das kann aber durchaus im Interesse aller Beteiligten sein. Ein Plädoyer für mehr Individualität.

Geht nicht gibts nicht

Von Andrea Meinhold

 

Die meisten Eltern wollen ihre Kinder gerecht behandeln. Dieser Wunsch ist tief verankert und grundsätzlich richtig. Wenn es um das Familienunternehmen geht, wird daraus jedoch schnell eine besonders anspruchsvolle Aufgabe: Sollen alle Kinder die gleichen Anteile erhalten? Auch dann, wenn nur eines von ihnen im Unternehmen tätig ist? Wenn ein anderes weit entfernt lebt, sich kaum mit dem Unternehmen beschäftigt oder ganz andere Pläne für das eigene Leben hat?

Auf den ersten Blick scheint die gleichmäßige Verteilung der Unternehmensanteile die fairste Lösung zu sein. Niemand wird bevorzugt, niemand zurückgesetzt. Alle erhalten rechnerisch dasselbe.

Doch was heute gerecht erscheint, kann morgen zu einer erheblichen Belastung für Familie und Unternehmen werden.

Wenn aus wenigen Gesellschaftern viele werden

Werden Unternehmensanteile in jeder Generation auf alle Kinder verteilt, wächst der Gesellschafterkreis mit der Zeit immer weiter. Aus zwei Gesellschaftern werden vier, aus vier vielleicht zehn und aus zehn irgendwann mehrere Familienstämme mit einer Vielzahl von Beteiligten.

Das muss nicht zwangsläufig problematisch sein. Große Gesellschafterfamilien können sehr erfolgreich funktionieren. Sie benötigen jedoch klare Regeln, professionelle Strukturen und einen erheblichen organisatorischen Aufwand. Informationen müssen an mehr Personen vermittelt, unterschiedliche Interessen berücksichtigt und Entscheidungen sorgfältiger vorbereitet werden.

Zugleich steigt häufig der Anteil derjenigen Gesellschafter, die nicht im Unternehmen tätig sind. Mit jeder Generation kann die persönliche Nähe zum Unternehmen abnehmen. Während die einen täglich Verantwortung tragen, Mitarbeitende führen und unternehmerische Risiken eingehen, betrachten andere ihre Beteiligung stärker als Vermögenswert. Sie erwarten vielleicht regelmäßige Ausschüttungen, während die operativ Verantwortlichen Gewinne lieber investieren möchten. Beide Perspektiven können legitim sein. Aber sie sind nicht automatisch deckungsgleich.

Je größer und heterogener der Gesellschafterkreis wird, desto anspruchsvoller wird es, ein gemeinsames Verständnis von Verantwortung, Risiko und Zukunft zu bewahren.

Die scheinbar einfache Alternative

Die naheliegende Gegenlösung lautet: Unternehmensanteile erhalten nur diejenigen Kinder, die im Unternehmen tätig sind oder eine besondere Verantwortung als Gesellschafter übernehmen wollen.

Auch diese Lösung hat ihren Preis. Wenn ein Kind das Unternehmen erhält und die anderen nicht, kann dies als Zurücksetzung erlebt werden. Schnell entsteht der Eindruck, das unternehmerisch tätige Kind sei den Eltern wichtiger oder werde für seine Entscheidung zugunsten des Familienunternehmens zusätzlich belohnt.

Gerade weil das Vererben in vielen Familien kaum offen besprochen wird, bleiben solche Deutungen häufig lange unausgesprochen. Die Eltern wollen niemanden verletzen und vermeiden deshalb das Gespräch. Die Kinder wollen nicht undankbar wirken und stellen ihre Fragen nicht. So entstehen Erwartungen, die nie ausdrücklich formuliert wurden und später dennoch enttäuscht werden können.

Das eigentliche Spannungsfeld liegt deshalb nicht nur zwischen einem kleinen und einem großen Gesellschafterkreis. Es liegt zwischen unterschiedlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit.

Gleichbehandlung ist nur eine Form von Gerechtigkeit

Kinder sind verschieden. Sie wählen unterschiedliche Ausbildungen, Berufe, Lebensorte und Lebensmodelle. Das empfinden Familien in der Regel nicht als ungerecht. Im Gegenteil: Eltern unterstützen ihre Kinder idealerweise auf ihrem jeweils eigenen Weg.

Warum sollte bei der Vermögens- und Anteilsnachfolge ausschließlich das Prinzip gelten, dass alle exakt dasselbe erhalten müssen?

Gerechtigkeit kann auch bedeuten, unterschiedliche Interessen, Fähigkeiten, Beiträge und Lebensentwürfe angemessen zu berücksichtigen. Ein Kind möchte vielleicht unternehmerische Verantwortung übernehmen. Ein anderes wünscht sich finanzielle Unabhängigkeit vom Familienunternehmen. Ein drittes möchte beteiligt bleiben, aber keine aktive Rolle ausüben. Wieder ein anderes empfindet Unternehmensanteile eher als Belastung denn als Privileg.

Eine gerechte Lösung muss deshalb nicht zwingend für alle gleich aussehen. Sie sollte aber für alle nachvollziehbar sein.

Unternehmensanteile sind kein beliebiger Vermögenswert

Wer Unternehmensanteile überträgt, gibt nicht nur Vermögen weiter. Mit den Anteilen sind Verantwortung, Rechte, Pflichten und häufig auch Erwartungen verbunden.

Gesellschafter müssen Entscheidungen mittragen, sich informieren und mit unterschiedlichen Interessen umgehen können. Sie entscheiden über Gewinnverwendung, Investitionen, Führung und manchmal über die strategische Zukunft des gesamten Unternehmens. Unternehmensanteile sind daher kein neutrales Geschenk, das sich ohne Weiteres wie Geldvermögen aufteilen lässt.

Deshalb ist es sinnvoll, die Unternehmensnachfolge nicht isoliert zu betrachten. Neben den Anteilen können Immobilien, Wertpapiere, Beteiligungen, Liquidität oder andere private Vermögenswerte in eine Gesamtbetrachtung einbezogen werden. Auch Ausgleichszahlungen oder zeitlich gestreckte Lösungen können denkbar sein.

Entscheidend ist nicht, dass am Ende jede Vermögensposition identisch verteilt ist. Entscheidend ist, dass die Familie gemeinsam versteht, nach welchen Kriterien die Verteilung erfolgt und weshalb die gewählte Lösung als fair angesehen werden kann.

Drei Punkte, die Unternehmerfamilien anders angehen sollten

1. Nicht zuerst fragen: Wer bekommt wie viel?

Die Diskussion beginnt häufig zu spät und zu konkret. Es werden Quoten berechnet, steuerliche Modelle geprüft oder Testamente entworfen, bevor die grundlegenden Erwartungen in der Familie geklärt sind.

Am Anfang sollten deshalb andere Fragen stehen:

  • Wer möchte überhaupt Gesellschafter werden?
  • Was verbindet jedes Familienmitglied mit dem Unternehmen?
  • Wer möchte Verantwortung übernehmen und in welcher Form?
  • Wer wünscht sich eher eine andere Beteiligung am Familienvermögen?
  • Welche Erwartungen gibt es an Einfluss, Information, Ausschüttung und mögliche Ausstiegsmöglichkeiten?

Die Antworten dürfen unterschiedlich sein. Sie müssen zunächst auch noch nicht zu einer fertigen Lösung führen. Aber sie machen sichtbar, worüber die Familie tatsächlich entscheiden muss.

2. Gerechtigkeit aus Sicht aller Beteiligten betrachten

Eltern definieren Gerechtigkeit häufig anders als ihre Kinder. Auch Geschwister können sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was fair ist.

Für das eine Kind steht der rechnerisch gleiche Vermögenswert im Vordergrund. Für ein anderes ist entscheidend, dass jahrelanges Engagement im Unternehmen berücksichtigt wird. Wieder ein anderes legt Wert darauf, frei über das eigene Vermögen verfügen zu können und nicht dauerhaft an das Unternehmen gebunden zu sein.

Eine tragfähige Lösung entsteht deshalb selten allein am Schreibtisch der Seniorgeneration. Sie braucht ein Gespräch darüber, was die Beteiligten jeweils als gerecht empfinden und welche Gründe hinter diesen Vorstellungen stehen.

Das bedeutet nicht, dass alle Wünsche erfüllt werden können. Es bedeutet aber, dass alle gehört werden und die Kriterien der Entscheidung kennen.

3. Die Zukunft des Unternehmens mitdenken

Eine Anteilsübertragung ist nicht nur eine private Vermögensentscheidung. Sie prägt die künftige Governance des Unternehmens.

Deshalb sollte jede Familie prüfen:

  • Wie groß kann unser Gesellschafterkreis werden, ohne die Entscheidungsfähigkeit zu gefährden?
  • Wie binden wir nicht operativ tätige Gesellschafter ein?
  • Welche Kompetenzen erwarten wir von künftigen Gesellschaftern?
  • Wie organisieren wir Information, Willensbildung und Beschlussfassung?
  • Welche Möglichkeiten soll es geben, Anteile innerhalb der Familie zu übertragen oder aus dem Gesellschafterkreis auszuscheiden?
  • Welche Struktur passt zu unserem Unternehmen und zu unserer Familie in der nächsten, aber auch in der übernächsten Generation?

Diese Fragen machen deutlich: Nicht jede kurzfristig konfliktarme Lösung ist langfristig die beste.

Daher mein Fazit:

Sprechen, bevor verteilt wird

Die wichtigste Voraussetzung für eine gute Anteilsnachfolge ist nicht die richtige Quote. Es ist die Bereitschaft, frühzeitig und offen miteinander zu sprechen.

Dabei geht es nicht nur um Zahlen. Es geht um Rollen, Erwartungen, Zugehörigkeit, Verantwortung und persönliche Lebensentwürfe. Solche Gespräche können herausfordernd sein, weil sie Themen berühren, die Familien gerne vertagen: Alter, Loslassen, Vermögen, Tod, Geschwistergerechtigkeit und die Zukunft des Lebenswerks.

Doch Schweigen schützt nicht vor Konflikten. Es verschiebt sie lediglich in eine Zeit, in der die Beteiligten oft weniger Gestaltungsspielraum haben.

Eine Familie muss nicht sofort alle Antworten kennen. Entscheidend ist, den Prozess rechtzeitig zu beginnen und nicht vorauszusetzen, dass alle Kinder automatisch dasselbe wollen.

Mehr Individualität wagen

Es gibt keine Anteilsverteilung, die für jede Unternehmerfamilie richtig ist. Gleiche Anteile können sehr gut funktionieren. Eine unterschiedliche Übertragung kann ebenso richtig sein. Auch Zwischenmodelle sind möglich, etwa gleiche Kapitalanteile bei unterschiedlich ausgestalteten Rechten, der Ausgleich über weiteres Familienvermögen oder eine schrittweise Übertragung mit späteren Überprüfungspunkten.

Wichtig ist, dass eine Lösung nicht allein aus dem Wunsch entsteht, im Moment niemanden zu enttäuschen. Sie muss zur Familie, zum Unternehmen und zu den Menschen passen, die künftig Verantwortung tragen sollen.

Wer sich in der eigenen Familie mit der Anteilsübertragung beschäftigt, sollte deshalb nicht mit Prozentzahlen beginnen. Der bessere Ausgangspunkt ist eine offene Frage an alle Beteiligten:

Wie stellen wir uns unsere Rolle, unsere Verantwortung und unseren Anteil an der gemeinsamen Zukunft vor?

Manchmal braucht es einen geschützten Rahmen und eine neutrale Begleitung, damit diese Gespräche offen geführt und unterschiedliche Perspektiven in eine tragfähige Lösung übersetzt werden können. Genau dabei begleiten wir bei PETER MAY  - The Family Business People Unternehmerfamilien im Rahmen ihrer Inhaber- und Nachfolgestrategie.