
Von Prof. Dr. Peter May
Wir wissen, dass die Zeiten schwierig sind, nur bringt uns das nicht weiter. Jammern und schimpfen löst keine Probleme. Es wird Zeit, dass wir den Blick nach vorne richten und wieder ins Handeln kommen.
Deshalb müssen wir über Haltung sprechen. Denn erst durch Haltung bekommt eine Handlung ein Ziel und eine Richtung. Eine Handlung ohne Haltung ist wie ein Schiff ohne Kompass. Aber auch die Umkehrung ist richtig: Eine Haltung ohne Handlung ist nur eine Meinung, ein Statement ohne Folgen. Es ist Zeit, dass wir beides wieder zusammenbringen.
Krise als Chance
Ja, wir leben in Zeiten von Krisen, multiplen Krisen, großen Krisen. Und es ist in Ordnung, wenn uns das verunsichert. Nur in Schockstarre versetzen darf es uns nicht.
Denn Krisen gehören zur Normalität. Die Menschheitsgeschichte ist ein ewiger Wechsel von Auf und Ab, von Haussen und Baissen, von Krieg und Frieden, von Aufstieg und Niedergang. Und es gab auch schon schlimmere Zeiten. Da müssen wir in der Geschichte unseres Landes gar nicht so weit zurückgehen. Doch keine Krise währt ewig, oder um es mit einem arabischen Sprichwort zu sagen: „Ebbe folgt nicht auf Ebbe. Dazwischen ist die Flut.“
Krisen sind Zeiten der Bewährung. Erst in der Krise zeigt sich der wahre Meister. Schönwetterkapitän kann jeder. „Der ultimative Maßstab für einen Menschen ist nicht, wo er in Zeiten des Komforts steht, sondern wo er in Zeiten der Herausforderung steht.“ (Martin Luther King) Für Unternehmer gilt das erst recht.
Krisen sind immer auch Chancen. Wenn die Masse in Angst und Schockstarre verfällt, werden die großen Erfolgsstories geschrieben. Warren Buffett hat darauf seinen unternehmerischen Erfolg begründet: „Be fearful when others are greedy and greedy when others are fearful.“ Krisenzeiten sind Unternehmerzeiten. „Der Eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der Andere packt an und handelt. “ (Dante Alighieri)
Veränderungsbereitschaft
Es bleibt uns auch gar nichts anderes übrig. Denn das Darwinsche Gesetz der Evolution ist unerbittlich: Wer sich nicht anpasst, geht unter, egal wie groß, stark und erfolgreich er gestern noch war.
Das gilt auch für unsere Familienunternehmen. Das Erfolgsmodell des „German Mittelstand“ muss sich wandeln. Und tut es ja längst. Patriarchalische Autorität, Tradition und männliche Dominanz sind passé. Alte Paradigmen wie die „Herr im Haus“-Mentalität , „Firma geht vor“ oder die Fokussierungslogik der Nachkriegszeit stehen auf dem Prüfstand. Und das zu Recht.
Chancensucher werden
Wenn Altes untergeht, entsteht immer auch Neues. Und wenn Neues entsteht, geht Altes unter. Diesem elementaren Gesetz des Kapitalismus hat Joseph Schumpeter in der Figur des kreativen Zerstörers ein Denkmal gesetzt. Und führt uns zu der Frage: Wie werde ich ein kreativer Zerstörer?
Lassen Sie mich an dieser Stelle ein paar wenige Hinweise geben. Kreative Menschen sind Optimisten, d.h. Menschen, die in jedem Problem eine Chance sehen, und nicht wie der Durchschnittsdeutsche in jeder Chance ein Problem.
Vor allem aber sind sie Problemlöser. Sie wissen: Der Schlüssel zum unternehmerischen Erfolg liegt nicht in der Fokussierung auf den Wettbewerb. Und auch nicht in der Fokussierung auf die eigenen Fähigkeiten, sondern in der primären Konzentration auf den Kunden und seine Bedürfnisse. Wer Kundenprobleme löst, gewinnt. Je größer das gelöste Problem, desto größer der Erfolg. Kundenprobleme gibt es übrigens genug, vor allem in Krisenzeiten. Eifern Sie dem IKEA-Gründer Ingvar Kamprath nach, der die Haltung des Problemlösers in seinem Testament eines Möbelhändlers so wunderbar festgehalten hat: „Das meiste ist noch nicht getan. Wunderbare Welt.“
Neues wagen
Und noch etwas möchte ich Ihnen zurufen: Lasst uns wieder mutiger werden. Lasst uns wieder Neues wagen, nicht immer nur Bestehendes verbessern. „The electric light did not come from the continuos improvement of candles.“ (Thomas A. Edison)
Wir Deutschen haben den Buchdruck erfunden ,das Automobil und das Motorrad, das Fernsehgerät und den Computer, die Röntgentechnologie, das Aspirin und den Covid19-Impfstoff, den Discounthandel, den Kaffeefilter und den Goldbären. Warum, zum Teufel, wollen wir im 21. Jahrhundert alle Wohlstand schaffenden Erfindungen den Amerikanern und Chinesen überlassen?
Ein Zielbild entwickeln
Wer Neues schaffen will, muss Menschen begeistern und ein faszinierendes Zielbild entwickeln. Wie es in dem wunderbaren Zitat von Antoine de St Éxupéry so schön beschrieben ist: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Es gibt keine großen Erfolge ohne große Zielbilder. Nur die Begeisterung für eine bessere Zukunft weckt die Veränderungsbereitschaft im Hier und Heute. Und das ist Teil unseres Problems. Wir haben in Deutschland aktuell zu wenig begeisternde Zielbilder. Auch, aber nicht nur in der Politik.
Leadership
Damit kommen wir zu uns selbst. Veränderung, Chancen statt Risiken zu sehen, Neues wagen, Zielbilder entwickeln, all das braucht Führung. Es braucht Leadership, nicht Management, Leuchttürme, keine Wetterfahnen.
Was es dafür braucht, hat Nelson Mandela einmal ganz wunderbar ausgedrückt: „Leadership bedeutet, in Zeiten von Stress und Unsicherheit Ruhe zu bewahren, Wege zu weisen und voranzugehen.“ Mit anderen Worten: der Masse der Unsicheren Orientierung und Sicherheit zu geben. Lasst uns starke Leader in unsicheren Zeiten sein.
Wir müssen uns einbringen
Dafür müssen wir uns einbringen, nicht nur in unseren Unternehmen, nein, auch in der Politik und in der Gesellschaft. Es bringt uns nichts, die Verantwortung für alles, was falsch läuft in diesem Land, auf die Politik zu schieben. Das macht nichts besser. Es bringt auch nichts zu sagen, man würde es besser machen, solange man es nicht besser macht.
Ja, die Politik ist zu einer Belastung für das Unternehmertum, für den Wohlstand, für unser Land und für Europa geworden. Aber glauben wir ernsthaft, es würde eine bessere und unternehmerfreundlichere Politik geben, solange wir das Feld den Gewerkschaftern, Lehrern, Schulabbrechern, Bürokraten, Karrieristen, Stamokap-Intellektuellen und Rechtsnationalisten überlassen? Wenn wir ein besseres Land wollen, müssen wir daran mitarbeiten, es besser zu machen.
Nichts ist unmöglich
Ein Schlachtruf der Kapitalismuskritiker in der Zeit der 68er-Bewegung lautete: „Macht kaputt, was euch kaputt macht.“ Sie waren ganz schön erfolgreich damit. Wie wäre es, wenn wir Unternehmer diesen Schlachtruf heute aufgreifen und umkehren: „Lasst uns kaputt machen, was uns kaputt macht.“
Und nun lasst uns bitte nicht reflexhaft sagen, das sei unmöglich. Nichts ist unmöglich. Man muss es nur wollen, denken, tun. Eine Leitmaxime erfolgreicher Unternehmer lautet: „Geht nicht, gibt´s nicht.“ Daran sollten wir uns halten.